Zur Re-Edition Friedrich Kiesler, 2002-2005
Eine Re-Edition bedeutet die Wiederaufnahme von vergangenen Äußerungen eines künstlerischen Ausdrucks. Der historische Fakt aus dem überlieferten Bestand ist der geschichtswissenschaftlichen Kategorisierung längst anvertraut, ja einverleibt und erfährt jetzt eine Neubewertung der besonderen Art. Der Bedeutungsgewinn, der diesem Werk so lange Zeit nach seinem Entstehen nun beigemessen wird, begründet seine Aktualität im Hier und Jetzt. Kaum etwas ehrt so sehr, vor allem die Kunst und das Design, wie der Status unmittelbarer Gegenwärtigkeit. Das so Ausgezeichnete kann also seit seinem Bestehen zumindest auf zwei Phasen von hoher zeitgenössischer Akzeptanz verweisen. Erstere liegt in der Vergangenheit und war von einer Qualität, die ein Überdauern wahrscheinlich erst möglich machte. Die zweite Phase ist von Wiederbelebung gekennzeichnet, ist Teil unserer Gegenwart und nimmt allein schon deshalb unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, verlangt zumindest nach ihr – wie auch andere Äußerungen unserer Zeit.
Für den Designer, Architekten und Künstler Friedrich Kiesler steht seit den 20er Jahren ein sich wandelndes, sehr anpassungsfähiges kreatives Schaffen im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses. In seinen Theorien und Konzepten spürt Kiesler den Bedürfnissen seiner Zeit und ihrer Menschen nach, um diese dann als Gestalt gebende Faktoren in sein Werk einfließen zu lassen. Es sind nicht nur die neuesten technologischen Standards und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die seine Auseinandersetzung prägen, auch die geistigen Dispositionen – psychologische, soziologische und philosophische Komponenten – formen Kieslers universales Weltenmodell. Die sehr Praxis bezogenen Überlegungen in seiner Theorie des Correalismus richten sich dabei vorwiegend auf das so genannte technological enviroment – auf die vom Menschen gestaltete Umwelt und auf ihre Gesetzmäßigkeiten der einander bedingenden Kräfte und Strukturen. Kiesler fordert für jede Art der Einwirkung d.h. Gestaltung unserer Umwelt die entsprechenden Maßnahmen der Überprüfung von Funktion und Wirkung der angewandten Formen und Mittel, sowie die Anpassung an den aktuellen Stand der Anforderungen. So orientiert er sich schon Ende der 20er Jahren an der „modernen Massenzivilisation bzw. Massenkultur, sowie dem ihr innewohnenden Geschwindigkeitskult“, macht die Wahl der Materialien (Holz, Glas, Metall) von ihrer psychofunktionalen Entsprechung abhängig und konstruiert die Form des Gegenstandes nach seinem Zweck und Nutzen. Mit dem Begriff Tool (Instrument, Werkzeug) definiert Kiesler jenes verbindende Element, das seine universale Wirklichkeitsauffassung mit seinen praktischen Vorstellungen verknüpft. Unter Tool versteht er jede Art von Ergänzung, die vom Menschen gemacht oder erdacht ist: „In this sense everything which man uses in his struggle for existence is a tool (…) from shirts to shelter, from cannons to poetry, from telephones to painting.“ Kiesler überprüft seine Thesen vorwiegend anhand des künstlerischen Designs – Ziel seiner Bestrebungen ist es, das auf alle Sinne wirkende Tool mit „den Mitteln und dem Ausdruck unserer Epoche“ im kontinuierlichen Ineinandergreifen von Architektur, Skulptur und Malerei darzulegen. Seine Ambition künstlerische Wirkungsfelder miteinander zu verschmelzen, sowie das „kreative Schaffen“ als eine Form der „Technologie“ zu begreifen – verleiht Kieslers Werkidee Aktualität und legitimiert ihre erneute Einbindung in die aktuelle Designproduktion. Das programmatische Festhalten an der engen Wechselbeziehung von Funktion und Form im künstlerischen Gestalten, welches letztendlich seine Abkehr vom internationalen Stil einleitete, zeichnet sich auch in seinen „bewegten“ Entwürfen zum Correalistischen Instrument von 1942 ab. Wenige Jahre später liefert uns die biomorphe Formgebung von Kieslers Endless House die Entsprechung einer von den Kräften des Lebens gestalteten Wohneinheit. In seinem Artikel Pseudo-Functionalism in Modern Architecture betont Kiesler 1949 noch einmal, dass – im Gegensatz zu Louis Sullivans Motto: „Form folgt der Funktion“ – die Form nicht der Funktion folgt, sondern: “(...) Die Funktion folgt der Vision. Die Vision folgt der Realität.“
Die Re-Edition von Friedrich Kieslers Correalistischem Instrument, dem Rocker, der Party Lounge und Bed Couch ruft uns nicht nur ein Formenrepertoire in Erinnerung, das auf Grund modischer Entwicklungen mit Anerkennung rechnen darf. Vielmehr sind es die künstlerischen Intentionen einer Zweck gebundenen Flexibilität und der daraus abgeleiteten Form, die unserer Zeit zu einer vorbildhaften Ästhetik verhelfen. Denn unsere unmittelbare Wirklichkeit verlangt auch heute nach einer Kunst-Realität, die aus dem Beziehungsgeflecht der verschiedenen Lebenskomponenten erwächst. Untrennbar mit dem „Fluss des täglichen Lebens verknüpft“ mündet sie in Kreationen, die „Traum und Wirklichkeit miteinander verschmelzen“ lassen.
Monika Pessler
Kiesler Stiftung Wien